Warum klingt meine Gitarre anders als im Song?


Du spielst die richtigen Akkorde, die richtigen Töne oder sogar exakt dasselbe Riff, und trotzdem klingt deine Gitarre völlig anders als im Original?
Diese Erfahrung macht fast jeder Gitarrist. Besonders am Anfang erwartet man oft, dass ein Song automatisch genauso klingt wie auf der Aufnahme, wenn man die richtigen Noten spielt. In der Realität besteht der typische Gitarrensound eines Songs aber aus vielen verschiedenen Faktoren.
In diesem Artikel erfährst du, warum deine Gitarre anders klingt als im Song und welche Faktoren wirklich darüber entscheiden, ob du dem Originalsound näher kommst.
Die richtigen Noten reichen nicht
Der häufigste Grund ist überraschend einfach: Ein Song besteht aus viel mehr, als nur den richtigen Noten.
Zwei Gitarristen können exakt dieselben Noten spielen und trotzdem völlig unterschiedlich klingen.
Der Klang hängt unter anderem ab von:
Gitarre
Tonabnehmern
Verstärker & Verstärker-Einstellung
Effekten
Anschlagtechnik & Dynamik
verwendete Saiten
Wenn du also ein Riff richtig spielst und es trotzdem nicht originalgetreu klingt, ist das kein Wunder.
Deine Gitarre macht einen Unterschied

Eine Stratocaster klingt anders als eine Les Paul. Eine Gitarre mit Single-Coils klingt anders als eine mit Humbuckern. Das liegt vor allem an den Tonabnehmern:
Single-Coils klingen eher:
klar
brillant
offen
höhenreich
Humbucker klingen dagegen:
voller
kräftiger
mittiger
Wenn der Originalgitarrist einen Humbucker spielt und du eine Gitarre mit Single-Coils verwendest, wirst du dem Sound allein deshalb nie zu 100 Prozent entsprechen.
Lesetipp: wenn du tiefer in die Welt der Tonabnehmer eintauchen willst, lies auch meinen Artikel Humbucker oder Single Coil? Einfach erklärt.
Der Verstärker verändert deinen Sound enorm
Viele Gitarristen konzentrieren sich nur auf die Gitarre und vergessen dabei, wie wichtig der Verstärker ist.
Auch die Lautstärke spielt eine Rolle: Ein Verstärker kann bei sehr niedriger Zimmerlautstärke anders reagieren als bei einer höheren Lautstärke.
Merke: Der gleiche Gitarrist kann über zwei verschiedene Verstärker vollkommen unterschiedlich klingen.

Ein häufiger Fehler: zu viel Gain
Gerade Anfänger drehen den Gain-Regler häufig zu weit auf.
Ein Sound mit sehr viel Verzerrung kann im ersten Moment kräftig und beeindruckend wirken.
Sobald du aber ein komplettes Riff oder mehrere Akkorde spielst, wird der Sound schnell undefiniert.
Merke: Oft wird der Originalsound eines Songs mit deutlich weniger Gain gespielt, als man beim Zuhören vermuten würde.
Lesetipp: in meinem Artikel Gitarrenverstärker richtig einstellen findest du einfache Tipps, die dich sofort besser klingen lassen - schau mal rein!
Der Tonabnehmer-Schalter ist wichtiger, als du denkst
Du solltest deine Gitarre nicht ständig in derselben Pickup-Position lassen, denn die Auswahl des Tonabnehmers verändert den Sound deutlich.
Für den Sound gilt grundsätzlich :
Hals-Pickup:
wärmer
runder
weicher
Steg-Pickup:
heller
direkter
aggressiver
Mittelposition:
ausgewogener
weniger extrem
vielseitig
Viele Gitarrensounds entstehen nicht nur durch den Verstärker, sondern durch die Kombination aus dem richtigen Pickup und der richtigen Verstärker-Einstellung.
Merke: Wenn dein Sound nicht wie im Song klingt, solltest du deshalb immer auch mit den Pickup-Positionen experimentieren.
Deine Anschlagtechnik verändert den Klang

Ein oft unterschätzter Faktor ist die Art, wie du die Saite anschlägst. Der gleiche Ton kann deutlich anders klingen, abhängig davon:
wie stark du anschlägst
wo du die Saite anschlägst
wie du das Plektrum hältst
in welchem Winkel du anschlägst
Wenn du näher an der Brücke spielst, klingt die Gitarre häufig heller und direkter. Spielst du näher am Hals, wird der Sound weicher und runder.
Lesetipp: Wenn du mehr Kontrolle über deinen Anschlag entwickeln willst, empfehle ich dir meinen Artikel Plektrum richtig halten: Technik, Kontrolle & Dynamik auf der Gitarre.
Dynamik ist Teil deines Sounds
Nicht jeder Ton muss gleich laut gespielt werden. Professionelle Gitarristen kontrollieren ihre Dynamik sehr bewusst:
manche Anschläge sind stärker, andere leiser
bestimmte Noten werden betont
Akkorde werden unterschiedlich intensiv angeschlagen
Merke: Wenn du einen Song nachspielst und er mechanisch oder langweilig klingt, liegt es möglicherweise nicht am Verstärker, sondern an deiner Dynamik!
Die richtige Spieltechnik ist entscheidend

Auch die Spieltechnik verändert den Charakter eines Songs:
Palm Muting
Ohne korrektes Abdämpfen kann ein Riff plötzlich viel zu offen und unkontrolliert klingen.
Saiten abdämpfen
Gerade bei der E-Gitarre ist es extrem wichtig, nicht gespielte Saiten zu kontrollieren. Andernfalls können zu unsauberem Sound führen.
Slides, Hammer-ons und Bendings
Slides, Hammer-ons, Pull-offs und Bendings verändern die Verbindung zwischen den Noten und damit den gesamten Charakter eines Riffs.
Wenn du nur die richtigen Töne spielst, aber die Spieltechnik anders ausführst, klingt der Song automatisch anders.
Lesetipp: Wenn du mehr über diese charakteristischen Spieltechniken erfahren willst, schau dir meinen Artikel E-Gitarre: Slides, Bendings & Hammer-ons lernen an.
Der Originalsound wurde im Studio produziert
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte: Wenn du einen Song auf Spotify oder YouTube hörst, hörst du normalerweise nicht einfach eine Gitarre über einen Verstärker.
Eine professionelle Aufnahme enthält oft:
mehrere gleichzeitig gespielte Gitarrenspuren
unterschiedliche Gitarren
verschiedene Verstärker
mehrere Mikrofone, Equalizer, Kompression
Ein einzelner Gitarrist kann live oder zu Hause deshalb nicht exakt denselben Sound erzeugen.
Gitarren werden oft gedoppelt
Besonders bei Rock und Metal werden Rhythmusgitarren häufig mehrfach aufgenommen.
Eine Gitarrenspur wird beispielsweise links und eine zweite rechts im Stereobild platziert.
Dadurch klingt der Song wesentlich größer und breiter.
Wenn du zu Hause nur eine einzelne Gitarre spielst, wird dein Sound automatisch anders wirken.
Effekte machen den Unterschied

Einige Songs sind stark von bestimmten Effekten abhängig, wie zB:
Overdrive
Distortion
Fuzz
Chorus
Delay
Wenn du den Gitarrenpart richtig spielst, aber ein wichtiger Effekt fehlt, kann der Sound trotzdem anders klingen!
Oft klingt der Song einfacher, als er tatsächlich ist
Beim unbewussten Zuhören konzentrieren wir uns meist nur oberflächlich auf den Song.
Bei genauerem Hinhören merkt man aber oft :
eine zweite Gitarre läuft im Hintergrund
eine kleine Melodie läuft parallel
bestimmte Akkorde sind anders gespielt
einzelne Noten werden gedämpft
Deshalb lohnt es sich, einen Song genau zu analysieren.
Tipp: In meinem Gitarrenunterricht in Wien lernen meine Schüler ihre Lieblingssongs anhand originalgetreuer, von mir erstellter Transkriptionen. Erfahre hier mehr über meinen Unterricht!
Fazit: Dein Sound besteht aus viel mehr als der richtigen Gitarre
Wenn deine Gitarre anders klingt als im Song, bedeutet das nicht automatisch, dass du etwas falsch machst oder das falsche Equipment besitzt.
Der Gitarrensound eines Songs entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren:
Gitarre und Tonabnehmer
Verstärker &Verstärker-Einstellungen
Effekte & Saiten
Anschlag & Dynamik
Spieltechnik
und die Produktion im Studio
Gerade als Anfänger ist es sinnvoll, zu experimentieren: Probiere verschiedene Pickup-Positionen aus, verändere die Verstärker-Einstellungen und achte bewusst auf deinen Anschlag.
Oft kommst du dadurch deinem Lieblingssound bereits deutlich näher.
Du möchtest lernen, wie du deine Lieblingssongs nicht nur richtig spielst, sondern auch ihren typischen Gitarrensound möglichst authentisch nachbildest?

Gemeinsam arbeiten wir an Technik, Rhythmus und Sound, und zwar direkt anhand der Musik, die du wirklich gerne hörst und spielen möchtest.
Micha Hetmann


